In all den Jahren

Erscheinungstermin: 28. September 2015

Verlag: Acabus-Verlag

Seiten: 448

ISBN: 9783862823703

Paperback

EUR 14.90 

 

Roman

 

 

Verfasst: Ende 2013/Anfang 2014 

 

Erhältlich beim Verlag und überall wo es Bücher gibt.

Auch als Ebook. 

 

 

Inhalt

Elsa und Finn leben Tür an Tür in München. Sie sind Freunde. Beste Freunde. Und allen Zweifeln ihrer Umwelt, allen Versuchungen und allen Gefühlen zum Trotz, wollen sie das auch bleiben, denn schließlich enden die meisten Liebesbeziehungen doch in einer Trennung: Aus Nähe wird Besitzanspruch, aus Zuneigung Gleichgültigkeit und so weiter. Man kennt das.

Nein, Elsa und Finn wollen die bleiben, die sie sind, egal was auch passiert. Und es passiert so einiges, das ihre innige Freundschaft ins Wanken bringt, mal zur einen und mal zur anderen Seite hin.


Der Roman schildert auf humorvolle, spannende und bewegende Weise diese ungewöhnliche und tiefe Freundschaft über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hinweg, ihre Höhen und Tiefen, komische, glückliche und dramatische Momente und stellt dabei immer wieder die Frage: Wie viel Liebe verträgt eine Freundschaft?

Was ich noch dazu sagen möchte

Der Roman begann mit dem ersten Satz. Stimmt, Romane beginnen immer mit dem ersten Satz, aber manche hören damit auch schon auf. Oder wenig später. 

Wenn man mit einem Roman anfängt, sollte man wissen, was man schreiben will, wo man enden will und worum es gehen soll. Oder man sollte seine Protagonisten genau kennen und viel von ihnen wissen. Das sind gute Vorraussetzungen, dem ersten Satz eines Romans viele weitere folgen zu lassen. 

Bei In all den Jahren hatte ich nur diesen ersten Satz, der mir plötzlich ins Hirn sprang: Als ich ihn das erste Mal sah, war er nackt. 

Warum springen mir Sätze wie dieser ins Hirn? Einfach so. Bin ich noch normal? Das dachte ich damals über mich. Aber dann schrieb ich ihn auf. Immerhin war er interessanter als: Ich darf nicht vergessen, Brot einzukaufen. 

 

Ich schrieb diesen Satz auf und wusste sofort in welcher Situation das Ganze stattfand: an der Wohnungstür eines Mietshauses, Altbau in München. Er steht nackt vor der Wohnungstür seiner Nachbarin, weil er sich ausgesperrt hat. Sofort hatte ich ein Bild vor Augen und sofort wusste ich alles über die beiden, über ihren Charakter, ihr Wesen und über das, was sie später miteinander verbinden würde: eine ganz besondere, riesengroße Freundschaft. So eine, wie sie sich wahrscheinlich jeder Mensch für sein eigenes Leben wünscht. 

Ein Satz – und ein ganzer Roman faltet sich auf. Das Thema, die Protagonisten, der Stil, die Atmosphäre, alles. 

Ich wusste auch, dass sich der Roman über einen langen Zeitraum erstrecken musste. Wenn man über die Entwicklung einer Beziehung schreiben will, kann das keine Momentaufnahme sein, das liegt in der Natur der Sache.

Zwanzig Jahre. Für jedes Jahr ein Kapitel. Von 1990 bis 2010.

 

Ich bin keine große Planerin, aber über bestimmte Sachen muss ich Bescheid wissen, über das Ende zum Beispiel. 

Was soll ich sagen? Es kam dann doch irgendwie anders, als ich dachte. Das Ende, so wie es heute in meinem Roman steht, war nicht geplant. Die Geschichte hat sich dahin entwickelt, und ich musste ihr folgen. Ich habe einfach von Jahr zu Jahr geschrieben und dabei die Geschichte von Finn und Elsa entdeckt. Ich formuliere das so, denn ich wusste nicht, wohin sie führt oder was in jedem neuen Jahr passieren würde und wie sich das wiederum auf ihr Leben auswirken würde. Ich habe es einfach miterlebt, mitgefühlt und aufgeschrieben, so als wäre ich Elsa, die Ich-Erzählerin. 

 

Ich weiß, man soll keine Lieblingskinder haben, man soll keine Unterschiede machen, aber Romane sind keine Kinder. Jeder einzelne hat seinen eigenen Stellenwert, aber In all den Jahren hat für mich aus verschiedenen Gründen einen ganz besonderen und das wird sich durch nichts ändern. Das heißt nicht, dass der Roman besser ist als die anderen, das ist Geschmacksache. Es ist einfach eine sehr persönliche Sichtweise. Und warum sollte man die als Autorin nicht haben? 

Leseprobe

Als ich ihn das erste Mal sah, war er nackt. Er klingelte an meiner Tür und sagte, er habe sich aus seiner Wohnung ausgeschlossen. Dann folgte eine umständliche und ausführliche Erklärung wieso und weshalb, und ich konnte die ganze Zeit nichts anderes denken als: Warum hält dieser Typ nicht die Hand davor? Also: davor.

Nachdem er seine Erklärungsversuche beendet hatte, stand er vor mir und wartete.

„Kann ich nun telefonieren?“, fragte er, und die Art, wie er es sagte, machte mir klar, dass es schon das zweite Mal war. Mindestens.

Ich stammelte etwas, das wohl wie Einverständnis klang, und er schob sich an mir vorbei in meine Wohnung. In der Diele entdeckte er mein Telefon und wählte eine Nummer, während ich vorsichtshalber neben der halboffenen Tür stehen blieb und mich bemühte, nicht auf seinen nackten Hintern zu starren.

„Ich bin’s. Ich hab mich ausgesperrt, kannst du mir den Schlüssel vorbeibringen? – Jetzt gleich wäre gut. – Alles klar, bis dann!“

Er legte den Hörer auf und grinste mit geschlossenem Mund. Damals wusste ich noch nicht, wie typisch dieses Grinsen für ihn war: Die Lippen fest aufeinandergepresst und die Mundwinkel weit auseinandergezogen. Das tat er immer dann, wenn er etwas zufriedenstellend erledigt hatte. So, das hätten wir, sagte dieses Grinsen.

Seine Arme hingen noch immer entspannt neben seinem Körper, und es schien ihm nicht im Traum einzufallen, dass es mir eventuell peinlich sein könnte, über die Größe seines Penis Bescheid zu wissen. Sicher, man wollte seine neuen Nachbarn – und offenbar war er ein solcher – gern kennenlernen, aber das gehörte nicht zu den Dingen, die man wissen wollte. Zumindest nicht als Allererstes.

Nun ja, es war das Erste, was ich über Finn erfuhr. Finn, das war sein Name, aber den fand ich erst später heraus.

Als ich nicht weiter reagierte – ich wusste wirklich nicht, was ich tun sollte – sagte er schlicht „Danke!“ und ging nach draußen ins Treppenhaus, wo er sich auf die oberste Stufe setzte. Die Beine lässig auseinander, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt.

Ich überlegte kurz, ob ich noch etwas sagen sollte, ihn nach drinnen bitten, einen Kaffee anbieten, irgendeine Art von Konversation betreiben, doch die Situation sprach dagegen. Die Situation, die durch den Mangel an Bekleidung seinerseits bestimmt wurde.

So schloss ich leise die Tür. Ich fand es angebracht, es leise zu tun. Ich hätte es noch angebrachter gefunden, mich in Luft aufzulösen, doch das war nicht möglich.

Drinnen blieb ich an der Tür stehen und lauschte, was ich selbst albern fand. Warum lauschte ich? Wollte ich herausfinden, ob die Nacktheit des Mannes irgendein akustischen Signal aussandte?

Es war nichts zu hören. Ich ging in die Küche und machte mir einen Tee, obwohl ich nie Tee trank. Was war das für ein Typ, der nackt bei seiner Nachbarin klingelte und sich nicht einmal die Hände vor sein gutes Stück hielt? Ein Exhibitionist? Aber dafür war er zu wenig ... exhibitionistisch gewesen.

Ich musste mir schließlich eingestehen, dass die Unverkrampftheit, mit der der Mann sein Schicksal trug und die Selbstverständlichkeit, mit der er sich Hilfe holte, mich mindestens genauso aus der Bahn geworfen hatten, wie der Anblick seines nackten Körpers.

War womöglich ich es gewesen, die sich lächerlich gemacht hatte? Hätte ich nicht genauso unverkrampft sein können wie er?

Die Antwort lautete: Nein. Wie sich später noch in unzähligen Situationen herausstellen sollte, war unser Kennenlernen symptomatisch gewesen. Er, der Entspannte, Lockere, den kaum jemals etwas in Verlegenheit bringen konnte, ich, die Verklemmte, Nervöse, der alles peinlich war.

Ich hätte zu gern durch den Spion nach draußen gesehen, doch dabei hätte ich mich vor mir selber geschämt. Also musste meine Neugierde leiden.

Später erfuhr ich, dass sein Bruder, der einen Ersatzschlüssel besaß und nur eine Straße weiter wohnte, vorbeikam und ihn erlöste. Ich hörte an diesem Abend nur noch ein paar Schritte auf der Treppe, einen knappen Wortwechsel, von dem ich nichts verstand und ein kurzes Lachen, dann fiel die Tür nebenan ins Schloss und mein kurioses Abenteuer war vorbei.